Liebe Elisabeth […]

Die Bildvisionen beider Bändern haben mich mit ihren lakonischen, alptraumhaften Verformungen von Körper, Räumen und Situationen mit großer Wucht getroffen. Es ist mir nicht gelungen, mich an diese Bildpsrache so weit zu gewöhnen, dass ich die Bilder gelassen, ohne innere Abwehrreaktionen, betrachten konnte. Beispielhaft für den Schrecken dieser Bildwelt ist für mich das Bild auf Seite 21 des Bändchens mit dem Literaturzyklus, in das man durch die extreme Verzerrung der Perspektive und die Asymmetrie des nackten menschlichen Körpers hineinstürzt und zugleich hinausgestoßen, also eigentlich zerrissen wird. Rechts hinten, perspektivisch extrem weit entfernt der winzig wirkende kahle Kopf der menschlichen Gestalt und die schwarze Hand, die das Gesicht bedeckt, wie die andere Hand das Genital. Für mich ist das ein Ausdruck von maßloser Scham und Verzweiflung, auch wegen der Monstrosität und Starrheit der ausgestreckten, riesenhaften, aber auch wieder verschieden langen Beine und ihrer nach innen gedrehten Fuße. Das linke Bein trägt einen Verband und signalisiert Verletzung oder Unglück. Das rechte Bein, dinglich und schwer wie ein nackter, entrindeter Baumstamm, bildet in seiner wuchernden Riesenhaftigkeit die beherrschende Diagonale des Bildes. Sie schiebt Körper und Kopf der Person wie bedeutungslose Geringfügigkeiten in die rechte obere Bildecke, als würden sie dort von einer aus der Fassung geratenen, geislosen Gewalt des Riesenbeins zerquetscht. Die kleinen schwarzbraunen, vor das Gesicht geschlagenen Hände wirken wie vermodert und bieten keinen Schutz. Der kreatürliche Holzton der ausgestreckten Beine und des Körpers hebt sich in seiner drastischen Gegenständlichkeit wie eine wuchernde Obszönität vom stumpfen, monotonen Schwarz der Liege und des Schrankes ab. Es ist ein stumpfes, nuancenloses Schwarz: schwarzer Samt und schwarzer Lack. Das glasige Nachtblau der Schrankfenster, das sich im Fußboden wiederholt, bringt zusätzlich eine unheimliche, sakrale, begräbnishafte Stimmung in die Szene. Ja, dieser verzerrte Körper, der allem Maß und allem Sinn entwachsen ist, liegt dort aufgebahrt. Es ist ein unheimliches, erschreckendes Bild in seiner radikalen, körperlichen Verzerrung, an der nichts mehr zu ändern ist.

Man kann an vieles dabei denken, zum Beispiel an die unglückseligen Missgeburten der Contergan-Katastrophe. Doch Ihre Bilder haben nichts Abbildhaftes. Sie sind auf finstere erschreckende Weise autonom wie Alpträume, aus denen man nicht erwachsen kann: Steigerungen eines ontologischen Schreckens, Grenzwanderungen in einer missglückten braunschwarzen Welt, in der alles verfällt und im Verfall erstarrt ist. Es beruhigte mich ein wenig, das Foto Ihres hellen, geordneten Ateliers im Dachgeschoss zu sehen. Das ist der Ort, wo Sie Ihren Bildphantasien gewachsen sind. Kafka, an desses Szenarien man unter anderem denkt (vor allem an den in einen Käfer verwandelten Menschen) hatte sich die Möglichkeit erhalten, in seinen Schreckbildern Hervorbringungen eines abgründigem Humors zu sehen. Vielleicht denken Sie an gewagte Experimente mit einem psychotischen Material, das Sie im Griff haben, wenn und indem Sie malen. Ich bin jedenfalls geschockt und beeindruckt. Danke, dass Sie mir die beiden Bücher geschickt haben.

Herzliche Grüße Dieter Wellershoff

(Aus einem persönlichen Brief 2010)
Dieter Wellershoff